Die Blume

Dies ist eine Fantasiegeschichte. Sie erzählt die tragische Geschichte eines Schafhirten, der im Churfirstengebiet auf eine seltsame Blume stösst.

Doch die Blume bringt keine Hoffnung, wie der Hirte zuerst glaubt, sondern stürzt diesen tief ins Unglück.

Zu der Zeit, als es noch keine Autos, keine Computer und vor allem keine Seilbahnen und Skilifte gab, trug es sich zu, dass an einem wunderschönen, heissen Sommertag, ein Schafhirte seine Schafe auf dem Rücken des Selun (Berg) weidete.

Einst war dies das Gebiet der Wildmandli, die in einer Höhle am Fusse des Berges lebten, gewesen, doch die kleinen Männchen waren längst ausgestorben. An diesem Tag, es war der heisseste im Jahr, entschied sich der Samen einer schon seit Urzeiten ausgestorbenen Pflanze, zu keimen. Immer höher wuchs sie, bis sie die Grösse eines ausgewachsenen Mannes erreicht hatte.

Der Schafhirte war inzwischen von der Hitze wie betäubt, sodas er seine ebenfalls von der Hitze belämmerten Schafe aus den Augen verlor. Seine Augen vermochten nicht mehr, zu sehen. Nur noch verschwommen nahm er die Landschaft, und die Aussicht, die er an anderen Tagen so genoss, wahr. Immer wieder stolperte der Hirt, der unterdessen begonnen hatte, nach seinen Schafen zu suchen.

Da stiegen vom See auf der anderen Seite der Bergkette, den Churfirsten, dicke, tiefschwarze Wolken zum Himmel empor und begannen, die strahlende Sonne zu verdecken. Immer dunkler und kälter wurde es, sodass der Hirte wieder zur Besinnung kam. Orientierungslos schaute er sich um. Er vermochte kaum noch auszumachen, was sich in seiner näheren Umgebung befand, so dunkel war es geworden. Mit der Dunkelheit nahm auch die Kälte zu. Der Hirte wollte schnellstmöglich seine Schafe finden und mit ihnen in der Höhle der Wildmandli Zuflucht suchen. Wollte er aber zur Höhle, musste er den Berg hinab steigen.

Er machte sich sogleich auf den Weg. Die Kälte nagte mehr und mehr an ihm, in der Ferne vernahm er eine liebliche Melodie und ein schwacher Geruch nach... er konnte einfach nicht sagen, was es war. Der Geruch nahm zu, die Melodie wurde lauter. In der Ferne konnte der Hirte ein Licht ausmachen, das schwach in der Dunkelheit leuchtete. Er meinte sogar, es werde wärmer, je näher er dem Licht käme.

Da konnte er vor sich eine riesig grosse Blume ausmachen. Ihre Blütenblätter leuchteten in allen Farben und verbreiteten ihren Duft. Dazu klang die Melodie, welche sich nie zu wiederholen schiehn. Lange stand der Hirte einfach nur da, lauschte der Melodie, genoss die Wärme, das Licht und den Duft. Doch er erinnerte sich, an sein ursprüngliches Vorhaben, seine Schafe zu suchen, und in die Höhle zu gehen.

Die Blume wollte der Hirte aber nicht einfach so da stehen lassen. Er griff nach ihrem Stängel, um sie aus dem Boden zu reissen und mit zu nehmen. Doch kaum hatte sich seine Hand um den dicken Stängel geschlossen, fuhr ein Blitz aus den Wolken herab und traf den Hirten in den Schädel. Noch bevor der leblose Körper auf dem Boden aufschlagen konnte, schien er sich aufzulösen, doch dem war nicht so. Er verwandelte sich lediglich in einen Samen und viel lautlos zu Boden, wo er im Erdreich versank.

Die Seele des Hirten, die jedoch aus dem Körper entwichen war, stieg gen Himmel auf, prallte aber an den dicken, undurchlässigen Wolken ab und gleitete auf den Berg zurück. Noch heute irrt sie im Churfirstengebiet umher und sucht nach ihrem Opfer, das sie der Blume bringen wird...