Der Fluss der Zeit

Der Fluss der Zeit erzählt die Geschichte eines Flusses, von seiner Entstehung, bis in die Zukunft.

Die Geschichte beruht auf dem Beispiel des Alpenrheins. Es geht um den Einfluss der Menschen auf den Fluss und um den Einfluss des Flusses auf die Menschen.

Unweigerlich nimmt die Zeit ihren Lauf. Sie verändert Menschen genauso wie Tiere und Landschaften. Sie verändert Moralwerte, Gefühle und Einstellungen, wie auch die Gesundheit und das Aussehen. Auch mich hat die Zeit verändert.

Einst war hier nichts weiter als Eis. Doch das Klima erwärmte sich und das Eis schmolz. Es entstanden riesige Seen. Die Zeit hat sie zugeschüttet und sie austrocknen lassen. Es entstand eine Sumpflandschaft, dessen Herzstück ich war. Ein wunderbarer, sich dahin schlängelnder Fluss. Tiere hatten sich angesiedelt und auch Pflanzen gab es in reicher Menge.

Immer wieder wurden die Gebiete überflutet, doch das war gut für die Natur. Nur für die Menschen, die sich im Talgrund ein neues Leben erhofft hatten, bedeuteten diese Unwetter jedes mal eine Katastrophe. Sumpfkrankheiten wüteten, sogar Malaria. Die Menschen der damaligen Zeit wollten sich gegen mich schützen. Sie errichteten Wälle und drängten mich, den schönen mäanderförmigen Fluss, zurück. Sie legten mir Fesseln an und zwangen mich, in einem engen Flussbett schnurgerade dahinzufliessen.

Da wo die Sumpfgebiete trockengelegt waren, und der schöne Auenwald gerodet war, entstanden sehr fruchtbare Ackerflächen. Die Bevölkerungszahl nahm rasch zu, es entstanden grosse Dörfer und Städte. Den Leuten ging es gut, da sie nun nicht mehr fürchten mussten, durch Unwetter und meine Wassermassen ihre gesamte Habe und ihr Lebenswerk zu verlieren.

Die Zeit hatte die Leute vergessen lassen, wer ich einst war. Was hier einst war und wie schön es hier gewesen war. Mir fehlte das Zwitschern der vielen Vögel, das Quaken von Fröschen und das Rauschen der Bäume des Auenwaldes. Statt dessen hatten die Menschen eine Autobahn gebaut, geradewegs neben meinen Dämmen. Die Autobahn brachte Touristen her und diente als Transportweg für Industriegüter. Denn die Industrie war hier schon sehr weit fortgeschritten.

Mit grossen Baggern schöpften die Menschen Kies, das sich angesammelt hatte, aus meinem Flussbett. Immer tiefer sank meine Flusssohle ab.

Doch die Zeit öffnete den Menschen die Augen. Sie begannen zu verstehen, was sie mir angetan hatten. Aber nur wenig veränderte sich. Die Menschen hatten eine sehr komplizierte Weise, miteinander umzugehen. Der Wohlstand hatte sie blind gegenüber ihrer Umwelt und den Bedürfnissen anderer gemacht. Doch ich war mir sicher, mit der Zeit würden mir die Menschen meine Freiheit zurück geben.

Die Menschen begannen damit, kleinen Zuflüssen ihre Fesseln abzunehmen, bevor sie auch mich befreiten. Zuerst waren es nur kleine Uferabschnitte, die für viel Geld umgestaltet wurden. Immer mehr Tiere und seltene Pflanzen kehrten in die neu geschaffenen Lebensräume zurück. Auch den Menschen gefielen diese Orte und sie begannen damit, die einst erkämpften Ackerflächen wieder an mich abzugeben. Doch eines liessen sie nicht ausser Acht. Sie bauten Hochwasserdämme, sodass sie sich nicht mehr vor mir zu fürchten brauchten.

Die Zeit hat uns gelehrt, miteinander zu leben, Freunde zu werden. Die Menschen, die Natur mit ihren Tieren, Pflanzen und mit mir. Dem Fluss, der sie alle am Leben hält. Dem Fluss der Zeit…