
Das Steinmannli
Eine kuriose Storie über ein rachesüchtiges Steinmannli.
Die anfangs gruslige Geschichte nimmt allerdings doch eher unerwartete Wendungen.
Auf einem grasbewachsenen Berg im Alpsteingebiet, dessen Gipfel mit einem Quaderförmigen, in den Boden eingelassenen Stein gekennzeichnet war, weil sonst niemandem aufgefallen wäre, dass dies der höchste Punkt des Berges, der eigentlich nur eine Alp war, trugen Kinder Steine herbei, aus denen sie ein Gipfelmannli bauen wollten.
Wer von ihnen die Idee dazu gehabt hatte, wussten sie nicht mehr so genau, denn jetzt begannen die Kinder fröhlich ihr Gipfelmannli zu bauen. Stein um Stein legten sie aufeinander. Es wurde nicht sehr hoch. Es war eher ein kümmerliches Mannli, doch die Kinder störte das nicht. Glücklich nach getaner Arbeit kehrten sie zur Hütte etwas weiter unten am Berg zurück.
In der Nacht ging ein gewaltiges Gewitter über dem Alpstein hernieder und ein Blitz zerschlug das Gipfelmannli in tausende angekohlte Steinsplitter.
Traurig standen am nächsten Tag die Kinder auf dem Gipfel, ihr Gipfelmannli hatte nicht lange überlebt. Robert kniete auf den Boden, nahm zwei schwarze Steinstücke und passte sie aneinander, doch es war nichts mehr zu machen. Das Mannli war tot. Oder?
***
Das Mannli freute sich ungeheuerlich, denn es war eine Ehre, von Kindern erbaut zu werden. Allerdings hatte es nicht damit gerechnet, dass die Kinder so wenige Steine fanden und es dementsprechend klein und kümmerlich blieb. Was ihm aber gefiel, war die Lage, in der es erbaut worden war. Auf dem Höchsten Punkt eines Berges auf der Gipfelmarkierung. Als der letzte Stein gelegt war und die Kinder lachend davon gehüpft waren, seufzte das Steinmannli und der letzte noch hastig aufgelegte Kiesel fiel von seinem Kopf. Ach, was war es doch für ein kümmerliches, kleines, hässliches Steinmannli geworden. Nichtmal seine Steine blieben, wo sie waren.
Langsam wurde es dunkler und die aufziehenden Gewitterwolken trieben die Dunkelheit nur noch mehr voran. Das Mannli begann im auffrischenden Wind zu frösteln und es schüttelte sich. Erstaunlicherweise fielen diesmal keine Steine mehr herunter. Offenbar war es doch stabiler als es gedacht hatte. Müde und erschöpft schloss es die Augen. Heute war ein anstrengender Tag gewesen. So eine Erbauung war nicht ohne.
Immer wieder wurde die Nacht von hellen Blitzen erleuchtet. Dunkel und bedrohlich rollten Donner über Berge und Täler hinweg. Das Steinmannli auf seiner Bergspitze zitterte. Mit weit aufgerissenen Augen schaute es hektisch um sich. Es hatte grauenhafte Angst vor dem Donner, denn er liess den Boden und das Mannli, das immer noch fürchtete, auseinander zu fallen, erzittern. Denn das Auseinanderfallen bedeutete den Tod eines jeden Steinmannlis, sein Leben hatte doch noch kaum begonnen.
Ein grässliches Knacken ertönte über dem Mannli. Erschrocken wollte es zu den dunklen Wolken über sich aufschauen, aber noch bevor es sich einen Millimeter bewegen konnte, spürte es eine gleissende Hitze und unter unerträglichen Schmerzen wurde es auseinander gerissen. Für einen kurzen Augenblick war es taghell gewesen, dann sank das Mannli in eine tiefe Dunkelheit.
***
Das Gewitter war weiter gezogen. Ein kühler Nachtwind strich über den Gipfel des Berges auf dem im Umkreis von mehreren Metern angeschwärzte Steinsplitter lagen. Grashalme wiegten sich im Wind.
Als das Steinmannli wieder zu sich kam, fühlte sich sein Kopf an, als ob er gespalten worden wäre. Seinen Körper spürte es gar nicht mehr. Es blickte sich um. Die ersten Sonnenstrahlen schienen auf das Trümmerfeld, das von ihm übrig geblieben war. Sein Herz sackte dem Mannli in die Knie als er erkannte, dass es eigentlich tot war, denn es war vom Blitz getroffen worden. Aber was machte es dann noch hier. Und als er die Antwort kannte, sackte sein Herz noch weiter hinunter, falls das überhaupt noch möglich war. Steinmannli, die vom Blitz getroffen wurden konnten nicht sterben. Sein Geist würde auf ewig hier fest stecken. Das Mannli war zu einem Geist geworden. Einem Steinmannligeist.
Es wusste nicht, wie lange es sich nicht vom Fleck gerührt hatte, denn als es die Kinderstimmen hörte, die näher kamen, schien die Sonne bereits mit voller Kraft. Bestürzt sahen die Kinder, was mit ihm geschehen war. Es sah, wie ein Junge nieder kniete und versuchte, die Steine wieder zusammen zu setzen, doch es war ein aussichtsloses Unterfangen.
Schliesslich zogen die Kinder wieder ab und der Geist des Mannlis liess symbolisch die Schultern hängen. Was sollte es jetzt bloss machen, wo sein Körper zertrümmert vor ihm lag. Plötzlich überkam ihn eine unbändige Wut auf seine Erbauer. Was hatten sie sich bloss dabei gedacht, ihm ein solches Schicksal auf zu erlegen. Die konnten was erleben. Das Mannli wollte sich dafür rächen, was ihm diese Kinder angetan hatten. Es würde sich rächen und das auf grausamste Art und Weise.
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